Ein Spielplatz für Somes-Odorhei/ Rumänien

Abenteuerpädagogik

Wie alles begann....
Im Rahmen des Seminars „Abenteuerpädagogik“ sollte im August 2005 eine Erlebnisexkursion nach Rumänien stattfinden. Bei dieser wollten wir mit ehemaligen Studenten unseres Fachbereiches Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida/Roßwein in einem kleinen abgelegenen Dorf im Norden Rumäniens – Somes Odorhei - einen Spielplatz für die ansässigen rumänischen Kinder errichten.  Darüber hinaus sollten in Kooperation mit der Organisation „Lifeplace“, die Jugendliche zur Intensivpädagogischen Einzelmaßnahme (ISE) in selbiges Dorf schickte, Interviews mit den sich dort befindenden und betreuten Jugendlichen stattfinden. Wir erhofften uns dadurch tiefere Einblicke in der tätigen Arbeit mit Jugendlichen in ISE, um ein wichtiges Feld sozialer Arbeit kennen zulernen und möglicherweise als späteren Arbeitsbereich zu entdecken.
In der Vorbereitungsphase vermittelten wir uns gegenseitig die zur Realisierung unserer Vorhaben notwendigen theoretischen Vorkenntnisse, angefangen von geschichtlichen und ökonomischen Hintergründen, weiter zu technischen Fakten zum Bau eines Spielplatzes, bis hin zur Erarbeitung der ISE-Grundlagen samt ihrer Methodik. Leider ließ sich jedoch der ISE-Teil bei der Exkursion nicht realisieren, denn „Lifeplace“ löste seinen Standort in Rumänien im Juli 2005 komplett
Dies brachte uns allerdings nicht davon ab, an unserer Planung festzuhalten und weiter ein paar Einzelheiten zum Spielplatzbau zu erarbeiten. Bald stießen wir aber auf organisatorische Probleme. Zum Beipiel wussten wir bis zu dem Zeitpunkt, als wir in Somes Odorhei ankamen nicht, auf welchem Gelände der Platz erbaut werden sollte, wie groß dieser war und wie beschaffen. Auch bezüglich der Arbeitsgeräte fuhren wir weitestgehend ins Blaue.
Schnell erkannten wir, dass der Trip nach Rumänien gemessen an westlichen Verhältnissen ein wahres Abenteuer werden würde, schon aufgrund der fehlenden Informationen und den rumänischen Verhältnissen, in denen die Menschen dort leben. Trotzdem oder auch gerade deswegen machten wir uns motiviert auf den Weg.
Am Montagnachmittag, den 8. August 2005 traten wir unsere Reise nach Rumänien an und kamen dort nach ca. 30 Stunden Bahnfahrt mit Zwischenstopps am 9. August gegen 19:00 Uhr in Somes Odorhei an.
Zu unserer Crew gehörten: aus dem 4. DS - Manuela Knabe und Stefan Schmidt; aus dem 5. DS - Cindy Rudziok; aus dem 6. DS - Christina Neumeister, Kati Voigt, Stefan Tomesch, Nora Jesswein, Ronny Lenk, Jan Zickmann und Bianca Bölke; sowie Heiko Gelbhaar (ehemaliger Student, der in Rumänien arbeitet) und unser Prof. Peter Schütt. Darüber hinaus stießen kurz vor Fertigstellung des Spielplatzes zu uns: Thomas Keilig und Stephan Spott, beide im 6. DS.
In Somes angekommen stellte sich heraus, dass das gesamte Baumaterial noch nicht verfügbar war und wir dieses dort erst kaufen mussten. Die Dorfbewohner samt Bürgermeister begegneten uns sehr passiv und gewährten uns keine Unterstützung, weder finanzieller noch arbeitskraft-technischer oder anderer anerkennender Art.
Hätten wir nicht eine großzügige Spende von einem ehemaligen Rumäniendeutschen über den Förderkreis der Hochschule erhalten, wäre an dieser Stelle unser Plan vereitelt gewesen. Deshalb gebührt unserem edlen Spender an dieser Stelle ein Herzlicher Dank!

Ein weiteres großes Dankeschön geht an Vasile, einem in Somes wohnenden Allround-Tischler. Ohne seine Unterstützung mit enormer Arbeitsleistung sowie echt rumänischem Improvisationstalent hätte die Erfüllung unseres Projektes sicher mehrere Wochen gedauert.

Der Spielplatzbau
Tag 1
Die Kinder, die wir besonders mit unserem Projekt ansprechen wollten sollten zwischen 6 und 12 Jahre alt sein.
Nach 2 Geländebegehungen und Kleingruppenarbeit, in der wir den Spielplatz mit einzelnen Spielplatzgeräten  samt Anordnung, Sicherheitsabständen und Maßen konzipierten, entschied sich unsere Gruppe für folgende Gerätschaften:

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1 Doppelschaukel

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1 Doppelreck

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1 Wippe

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1 Balancierschlange

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1 Kletterpfahl

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1 Baumhaus (um den im Gelände stehenden Baum optimal zu nutzen)

Dazu kamen noch die Außenanlage, wobei der Zaun erneuert und ein kleineres Tor gebaut werden sollten, um das durchs Dorf getriebene Vieh vom Gelände fern zu halten. Als Baustoff einigten wir uns auf Baumstämme bzw. Holzbretter. Der Geländegrund sollte mit feinem Kies oder Sand aufgeschüttet werden.

Gruppenarbeit zur Planung des Spielplatzes

Tag 2
14 Fundamente mit zum Teil über einen halben Meter Tiefe wurden für die einzelnen Spielplatzgeräte ausgehoben. Ein großer Felsbrocken, den wir im letzten zu grabenden Loch entdeckten ließ uns fast verzweifeln. Doch wir hörten nicht eher auf, bis alle Fundamente gegraben und die Drahtgeflechte des Außenzauns abmontiert waren.
Jeder packte mit an. Die Frauen leisteten erstaunliches. Erste Werkzeuge und Zusatzwerkstoffe besorgte Heiko, der als einziger ein Auto zur Verfügung hatte. In den folgenden Tagen besorgte er weitere notwendige Dinge. Außer den Löchern und den nicht mehr vorhandenen Zaun ist nichts zu sehen.

Die ersten Löcher für die Fundamente entstehen

Tag 3
Ein Fundament wurde an der falschen Stelle ausgehoben. So gruben wir ein weiteres Loch. Bis auf zwei sind alle Fundamente mit Beton ausgegossen. Spätnachmittags befanden sich die U-Eisen zur Verankerung der Baumstämme und unsere Namen im Beton. Unsere Baumstämme sind geliefert. Die Stämme für den Zaun wurden im Sägewerk zurecht geschnitten, per Schäleisen abgerindet und montiert. Erste Baumstämme wurden ebenfalls per Hand entrindet. Grober Kies, der auf dem Gelände verteilt ist, wird mittels der einzigen Schubkarre im Graben der Außenanlage verteilt. Die Löcher sind gefüllt und der neue Zaun ist schon ganz ansehnlich.

Tag 4
Fast den ganzen Tag über wurde an den Baumstämmen herumgeschält und geschliffen. Das Holz ist schon zu trocken, so ging die Arbeit nur mühsam voran und wir wechselten uns gegenseitig ab. Auch weil wir nur 4 Schäleisen und 1 Schleifmaschine (für Fliesen) besaßen. Doch die Stämme sind zumindest schon auf das richtige Maß geschnitten. Mittlerweile waren die Öl-, Kalk- und Lackierarbeiten am Zaun weitestgehend abgeschlossen. Das Highlight des Tages bildeten die beiden Torpfosten, die geteert, in den Boden eingelassen und fixiert wurden.

Tag 5
Noch mehr Ergebnisse wurden sichtbar. Der Kletterpfahl war geteert, einbetoniert und fixiert. Unsere Balancierschlange mit an die 50 Hölzern in verschiedenen Größen und Durchmessern war an ihrem Platz. Acht Leute waren für den reibungslosen und schnellen Arbeitsablauf notwendig. Darüber hinaus beschäftigten wir uns noch immer mit den restlichen Baumstämmen, schliefen und lackierten. In der Gruppe gab es keinen mehr, der beim Anblick der Baumstämme nicht seufzte. Erstmals blieben ein paar Dorfbewohner stehen und schauten uns bei der Arbeit zu.

Tag 6
Das Dorf feierte einen großen kirchlichen Feiertag (Mariä Himmelfahrt), deshalb konnten  wir ausschlafen und begannen unsere Arbeit erst nachdem die Kirche ihren Gottesdienst beendet hatte. Weil die Maße der Balancierschlange zu hoch berechnet wurden, beauftragten wir einen Dorfbewohner, der in Besitz einer Kettensäge war, die meisten Hölzer auf eine weniger gefährliche Höhe zu kürzen. Die letzten Mal- und Lackierarbeiten sind schnell beendet worden, denn wir konnten die zu schleifenden Baumstämme nicht mehr sehen.

Tag 7
Es ging Schlag auf Schlag. Die Balken für unser Reck waren angebracht und auch das Gerüst für die Doppelschaukel stand schon. Sogar die Wippe war platziert, obwohl sie noch fertig abgeschliffen werden mußte. Den restlichen Kies, der vom Betonieren übrig geblieben war, verteilten wir – nun schon mit zwei Schubkarren – auf dem Gelände. Noch mehr Leute aus dem Dorf, vor allem Kinder, blieben immer öfter vor der Baustelle stehen.

Tag 8
Das letzte Projekt – das Baumhaus wuchs schnell. Bis auf die Umzäunung am Baumhaus war am Abend alles soweit fertig.

Auch der kleinste Rest des Kieses war verteilt . Mittels rumänischer Improvisationsgabe wurden Schaukel und Reck mit Seil und Stangen vervollständigt. Unsere Wippe bekam zwei Halte-Ketten an den Balkenenden und zwei Autoreifen wurden noch schnell in den Boden gebuddelt. Der Kletterpfahl war endlich ausgehärtet und wurde von unseren zu „Kindern“ gewordenen Männern bestiegen.
Unsere Spätankömmlinge verewigten sich auf dem Spielplatz, indem sie schnell noch eine Bank für die Mütter zimmerten und der Torbogen strahlte in deutscher und rumänischer Schrift mit den Namen „Kinderland“.Erste Kinder fanden sich nach und nach auf dem Platz ein und probierten alle Stationen durch, bis es immer mehr wurden und schließlich 12 Kinder auf einmal Platz auf der Wippe fanden.

Tag 9
Am Morgen wurde von ein paar Leuten unserer Gruppe letzte Hand an das Baumhaus gelegt und der Namenszug über dem Tor verfeinert.

Mittags fand eine feierliche Einweihung statt, bei der die 2 Kindergärtnerinnen aus dem angrenzenden Kindergarten, ein Lehrer und ein Vertreter der Stadt sowie der Pope anwesend waren. Peter Schütt und Manu hielten jeder eine kurze Rede, die unsere Beweggründe für die Durchführung eines solchen Projektes darstellten. Auch die Anderen sprachen ein paar Worte und drückten ihre Dankbarkeit aus. Anschließend wurde feierlich mit einem kleinen Glas Sekt angestoßen und wir nahmen ein paar Geschenke entgegen, während sich schon wieder viele Kinder auf dem neuen Spielplatz tummelten Am Nachmittag verabschiedete sich unsere Gruppe von Somes Odorhei und stieg mit Sack und Pack in den Zug in Richtung Schwarzes Meer, um die letzten verbleibenden Tage einmal nicht zu arbeiten. Doch das ist eine andere Geschichte..... Sequenzen eines TagebuchesJe weiter man von der Großstadt Cluj (dort stiegen wir aus unserem Zug) in die ländlichen Gebiete vordrang, desto holperiger wurde der Asphalt. Stellenweise nur Schotter ... Die Straßen säumen links und rechts einstöckige Wohnhäuser mit roten Dachziegeln und farbigen Verzierungen an den Fassaden. Manche Häuser sind schon recht verfallen ... Pferdewagen oder -kutschen sind keine Seltenheit ... Das Federvieh lief frei herum.“ „Wasseranschlüsse sind selten zu finden. Man holte hier das Wasser frisch aus dem Brunnen, der meistens direkt im Garten gegraben wurde. Wenn doch kein Brunnen zum Haus gehört, geht man einfach zum Nachbarn.“ „Das einzige Restaurante im Dorf besitzt eine richtige Toilette!!! Zum Glück sitzen wir jeden Abend hier – so ist wenigstens am Abend Gelegenheit für ein wenig westliche Kultur.“ „Den Feierabend auf der Baustelle läutete eine Herde Ziegen ein, die direkt am Gelände vorbeiliefen. Glocken und rumänische Kommandos. Sogar Kinder wurden mit eingespannt.“ „Gruppendynamik angespannt. Jeder ackert wie ein Tier – allen tut alles weh.“ „Schlachtung beigewohnt. Junger Ziegenbock. Abstoßend und zugleich faszinierend. ...war schnell vorbei. Noch lange danach haben einzelne Muskelstränge gezuckt... als der Bock hing, war er nicht länger mehr Tier, sondern einfach nur Fleisch.“ Körperpflege ist allgemein ein Problem. Aber nach und nach gewöhnte man sich daran. Es ist warm hier und ich schwitze – wie alle anderen auch. Jeder riecht wahrscheinlich gleich schlecht ... zum Glück gibt es nur 30 km entfernt eine Thermalbad ... Das Wasser hier stinkt nach faulem Ei – Schwefel, aber es kommt aus dem Wasserhahn und wir lagen in Zweierkabinen in richtigen Wannen!“

Warum das Ganze?
Vielleicht fragt sich jetzt der eine oder andere, warum wir diese Exkursion überhaupt unternommen haben. Die ganze Zeit arbeiten, kaum Freiraum, nur selten Gelegenheit, sich zu waschen, der Sprache nicht mächtig....
Es war nicht nur das Bedürfnis, eine andere Kultur kennen zu lernen. Oder diesem Dorf einen Gefallen zu tun, weil es seit mehr als 20 Jahren nun wieder einen Spielplatz besitzt. Jeder unserer Gruppe hat auf die eine oder andere Weise seine Erfahrungen gesammelt und seine Grenzen austesten können. Durch diesen Trip sind wir alle der Natur und fest gefügten uralten sozialen Verhältnissen wieder ein ganzes Stück näher gekommen. Haben Feste und Trauerumzüge, Viehtrieb und am Dorfrand lebende Zigeuner, Improvisationen und Gastfreundschaft auf kleinstem Raum in kurzer Zeit kennen gelernt.   Konnten unseren mit Selbstverständlichkeit hingenommenen Drang nach Luxus und Technik bewusst werden und diesen zumindest für einige Zeit herabsetzen.
Wir lernten zu sehen, wie schwierig es ist, als Gruppe ad hoc an einem gemeinsamen Projekt zusammen zu arbeiten.
Aber was vielleicht das Wichtigste ist: Als 12 Kinder auf einmal die aus unserem Schweiß geborene Wippe eroberten, da wussten wir alle, dass sich alle Strapazen und Entbehrungen für diesen Anblick mehr als gelohnt haben!!
Cindy Rudziok und Prof. Peter Schütt
Nov.05